– Von Anna Kropf –

Angriffe im Namen der Political Correctness thematisiert Vera Lengsfeld in ihrer Dankesrede auf dem 3.Neuen Hambacher Fest. Sie zieht historische Parallelen und greift aktuelle Fälle auf. Hier eine Zusammenfassung ihrer Rede:

Es sieht fast so aus, als hätten sich die politisch-korrekten Ideologen schon fast überall mit ihren Meinungen ausgebreitet. Dennoch gibt es eine konsequent bleibende Minderheit, welche sich dem Mainstream ganz klar entzieht und ihre Meinung robust artikuliert. Noch sind die politisch Korrekten an der Macht, fürchten aber Widersprüche und bodenständige Argumente.
Man kann die ganze Situation mit dem Mittelalter vergleichen. Die Ritter haben sich immer weiter aufgerüstet, bis sie beinahe unverwundbar waren. Wenn es dann zu einem Kampf kam, und ein Ritter zu Boden fiel, war es für diesen unmöglich sich noch einmal aufzuraffen. Der Ritter musste von mindestens zwei Pagen unterstützt werden, denn alleine wäre er reglos liegen geblieben. Dies leitete das Ende des Rittertums ein.
Die eigentlich wichtige Frage ist aber: Wie ist das Heute und welche Parallelen kann man zur aktuellen Corona-Situation ziehen?
Wolf Biermann, ein Sänger der DDR-Diktatur hat folgendes dazu gesagt: Du lass dich nicht verhärten in dieser harten Zeit, die allzu hart sind brechen, die allzu spitz sind stechen und brechen zugleich. Du lass dich nicht verbittern, in dieser bitteren Zeit…lass dich nicht erschrecken, in dieser Schreckenszeit, das wollen sie doch bezwecken, dass wir die Waffen strecken, noch vor dem großen Streit.

Doch was lehrt uns dieses Zitat und diese Geschichte?

Keine Diktatur hält ewig. Beispiel gibt auch die unsterbliche Botschaft der Friedlichen Revolution von 1989, als zahlreiche bis an die Zähne bewaffnete Staaten und deren Vasallen plötzlich über Nacht verschwanden, weil ihnen die Legitimation genommen wurde. Die die unsterblich schienen, wurden ihrer Macht beraubt. Das hat die Herrschenden in den Demokratien keineswegs erfreut. Sie rechneten mit einem ähnlichen Schicksal. Es wurde alles in ihrer Macht Stehende getan, um die Bedeutung und vor allem die Botschaft der Friedlichen Revolution zu entschärfen. Das größte Problem, dass die Machtmittel der Diktaturen des 20.Jahrhunderts Lager, Gefängnisse und Ermordung aller Feinde, nicht übernommen werden konnten. Die scheinbar einzige Lösung war, nach subtileren Unterdrückungsinstrumenten zu suchen. Im Nachlass der Diktaturen fand sich manch brauchbares.
Am Abend des 2. Jänner 1992, der Tag, an dem die Stasi-Akten geöffnet wurden und sich Vera Lengsfeld auf den Straßen über die Maßnahmen und Zersetzungspläne der Staatssicherheit unterhielt, sagte Bärbel Bohley, die bekannteste Bürgerrechtlerin der DDR zu ihr, dass sie sicher sei: Die Stasi-Akten werden von den Herrschern genau studiert werden, und wir werden es in Zukunft mit den Zersetzungsmethoden der Stasi zu tun haben. Sie hatte tatsächlich Recht. Das wird am Beispiel der Political Correctness deutlich. Andersdenkende werden heutzutage nicht selten als Verschwörungstheoretiker, Rassisten oder Nationalsozialisten bezeichnet.
Dies ist aber gleichzeitig ein Beispiel für die Schwäche der Argumentation der politisch Korrekten. Denn wer so substanzlos ist, fürchtet die Debatte wie der Teufel das Weihwasser.

Dieter Bonhoeffer sprach während des NS-Regimes:

„Alle ethischen Begriffe wurden von diesen Heucheleien durcheinandergebraucht und verstreut. Das Böse, dass in der Gestalt des Lichtes und der Wohltat, des Gerechten erscheint, ist für Außenstehende nur schwer nachvollziehbar, für den Christen allerdings, der nach der Bibel lebt, ist das geradezu eine Bestätigung der auffallenden Bosheit des Bösen“.
Die Ideologen, die keine, und schon gar keine guten Argumente haben, versuchen mit Verweis auf Identität, ihre Gefühle und Empfindlichkeiten recht zu behalten. Das alles gelingt nur, weil es eine entschlossene Gruppe an Helfern gibt. Sie bestätigen es, obwohl die Tatsachen nicht mit der Theorie übereinstimmen. Wer glaubt auf der richtigen Seite zu stehen, der kennt nur eine Ursache für den Klimawandel, aber 60 oder mehr verschiedene Geschlechter.

Es ist einerseits alarmierend, wie sich die neue Konformität der Political Correctness ausbreitet, andererseits ist es beruhigend, wenn man da die Schwäche des Standpunktes betrachtet. Genau deshalb versuchen die Politisch Korrekten Schwächlinge die freie Rede mit aller Macht zu unterdrücken. Vor allem Freiheit und Meinungsfreiheit, ist grundlegende Essenz jeder Demokratie, die diesen Namen verdient. Wer nämlich die Meinungsfreiheit abschafft, schafft alle anderen Freiheiten auch ab.

Ein aktuelles Beispiel ist die Bewegungs- und Meinungsfreiheit und deren drastische Einschränkung.

Unter anderem wird die aktuelle Corona-Krise auch dazu ausgenutzt, um den Wahn der Politischen Korrektheit weiter unter die Menschen zu treiben. Dieser Ungeist treibt sich gerade durch Universitäten, den Kulturbetrieb bis hin in die Politik. Moderatoren und Journalisten bemühen sich um eine gendergerechte Sprache. Sogar das Gendersternchen wird mitgesprochen. Überall wird „Gendern“ zum Alltag.

Nur was kann man dagegen tun?

Eigentlich müsste jedem von uns klar sein, was man zur Verbesserung der Situation beitragen kann – nämlich das, was ohnehin logisch ist: Wir müssen uns in unsere Angelegenheiten einmischen und diese verteidigen. Wir dürfen den öffentlichen Debattenraum nicht aufgeben, sondern müssen ihn mit allen Mitteln verteidigen, denn diese haben sich in den Verfassungen der Länder der freien Welt verankert und eingeprägt. Freie Meinungsäußerung und Debatten über alle Themen dienen der Wahrheitsfindung, egal ob diese als zu provokant, verletzend oder falsch interpretiert werden. In einer Diskussion werden Argumente gegeneinander abgewogen. Am Ende findet sich im besten Falle ein Kompromiss.

Im politisch korrekten Glaubenssatz verhält es sich andersrum: Hier steht die Wahrheit bereits fest, weshalb Debatten und Diskussionen unterbunden werden. Denn der Debattenraum wird im Zuge dieser Ideologie immer weiter verengt und verkürzt. Unter anderem zeigt sich dies im Einführen immer neuer Verbote, die untersagen, dieses oder jenes Wort zu verwenden. Wir befinden uns hier in einem Verlauf, den schon der Philosoph Friedrich Nietzsche als creatio ex nihilo bezeichnete. Der politisch korrekte Moralist hat seine Vorurteile verinnerlicht. Diese Vorurteile werden in gute Kollektive (Black lives, Frauen, LGBTQ+, …) und schlechte Kollektive (alte weiße Männer, Personen rechts von links) unterteilt. Abweichende Sprache und Argumente sind möglicherweise Auslöser einer Hasswelle und unangenehmen Diskussion. Dies führte zur Anästhesie des Debattenraums und zur Tragödie der Intellektuellen. Mittlerweile werden die Grenzen so eng gezogen, dass es auch Anhänger der guten Kollektive trifft.

So auch eine marxistische Feministin aus Kanada.

An der Universität von Alberta wurde Kathleen Lowrey, Professorin für Anthropologie aufgrund anonymer Beschwerden gefeuert. Die bekennende Marxistin und radikale Feministin hatte folgende ‘‘radikale und extremistische‘‘ Ansichten geäußert: Frauen sind Frauen, Männer sind keine Frauen, denn sie haben keine Vagina und können keine Kinder gebären! Ihre Studenten fühlten sich daraufhin unsicher und eingeschränkt und trauten sich nicht mehr Anthropologie als Hauptfach zu wählen. Lowrey war eine genderkritische Feministin und glaubte nicht daran, dass Geschlechter nur Konstrukte seien. Was gestern noch common sense im Feminismus war, nämlich dass es Frauen gibt, die klar benachteiligt werden, gilt heute bei den Progressiven als transphob und muss bestraft werden.

Damit sind die politisch Korrekten bei einem geistigen Stalinismus angelangt. Unter Stalin wurde die Linie der Kommunistischen Partei oft geändert und alle die das nicht mit nachvollziehen konnten, wurden entfernt.

Dieses Denken wurde vom Literaturpreisträger Czesław Miłosz als der Prozess des Verführten Denkens beschrieben. Diesen Prozess gibt es inzwischen auch in westlichen Demokratien. Es begann an den Universitäten, den Orten des Geistes par excellence. Im Gegensatz zum Verführten Denken in den Diktaturen funktioniert das heute ganz ohne äußeren Zwang. Vor allem jüngere Leute, eine Wohlstandsgeneration, lehnen die Kollisionen mit unangenehmen Ideen eher ab, und sie scheinen die Motivation verloren zu haben, überhaupt noch irgendetwas zu lernen. Diese Generation sei der Meinung, es helfe dem Klima mit Diäten einzukaufen.

Das politisch korrekte Denken ist nicht wie die Jakobiner, eine revolutionäre Bewegung, sondern eine Staatsdoktrin. Diejenigen, die politisch korrekt denken, sind immer dazu bereit und in der Lage, sich selbst als Opfer zu bezeichnen. Alles was man für diese Tugend tut, wird aus dem Geist der angeblichen Notwehr gespeist. Inzwischen ist es sogar möglich, damit Geld zu verdienen, denn mit dem Geld des Familienministeriums werden alle möglichen Gruppen alimentiert. Wer ein bisschen gebildet ist, weiß, aus welchen Verfehlungen sich Kapital schlagen lässt. Sobald man einen neuen Missstand entdeckt hat, kann man einen Förderantrag stellen. Denn: Sexistisch ist, wer nachts an der Bar das Aussehen einer Frau lobt, und rassistisch ist, wer wissen will wo jemand mit dunkler Hautfarbe denn herkommt.

Die Situation ist ernst, aber keineswegs aussichtslos. Es gibt Lösungswege aus diesem ideologischen Grabenkampf. Unsere Waffen müssen wir nicht neu erfinden, sie liegen zum Einsatz bereit, sie müssen nur von uns verwendet werden. Unsere schärfste Waffe ist immer noch das Grundgesetz. Wir müssen es nicht nur verteidigen, sondern seine Einhaltung immer wieder einfordern.

Demokratie ist nur so lange stabil, so lange es Demokraten gibt, die wirklich bereit sind sie zu verteidigen und für sie zu kämpfen. Jeder hat eine Stimme, die er einsetzen kann. Demokratie fällt erst dann in sich zusammen, wenn sich jeder nur für sich und seine Bedürfnisse einsetzt. Damit eine Demokratie überleben kann, braucht sie genügend Menschen, die sie vor dem Zusammenfall schützen. Auch wenn hunderte Personen der gleichen Meinung sind, ist es Aufgabe der Meinungsfreiheit, dem einzigem Außenseiter zuzuhören. Meinungsfreiheit ist das Recht auf Gehör des Andersdenkenden, nicht das Privileg des Mächtigen. Die Mehrheit hat nicht immer Recht. Wir brauchen keine Mitläufer, sondern Bürger, die gelernt haben, selbst zu denken und zu entscheiden.

Der Online-Artikel: Der unwiderstehliche Reiz der Freiheit – Dankesrede auf dem 3.Neuen Hambacher Fest wurde von Vera Lengsfeld am 10.Juli 2020 auf der Webseite www.vera-lengsfeld.de veröffentlicht.

Die gesamte Rede ist hier nachzuhören:

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